Ciklus von Kleinigkeiten

Kolloquium zum Geburtstag von
Prof. Dr. Martina Sichardt

Samstag, 7. Januar 2017

Ciklus von Kleinigkeiten Kolloquium zum Geburtstag von Prof. Dr. Martina SichardtSamstag, 7. Januar 2017

 

Wer eine Geburtstagsfeier plant, stellt sich früher oder später die Frage, was man denn machen soll, wenn die oder der zu Feiernde kurzfristig erkrankt. Dafür gibt es keine vernünftige Lösung, also verdrängt man es so schnell wie möglich: In der Regel geht’s ja gut. Leider nicht, als am Zentrum für Musikwissenschaft im Januar 2017 – also ohnehin schon mit gewaltiger Verspätung – der runde Geburtstag von Prof. Dr. Martina Sichardt zelebriert werden sollte: Die Jubilarin zog sich punktgenau eine schwere Grippe zu und musste in Berlin das Bett hüten.

 

Das hielt die Übriggebliebenen nicht davon ab, ihr mit einem kleinen Kolloquium wenigstens in Abwesenheit zu gratulieren. Denn dafür gab es auch über das Kalendarische hinaus allen Anlass: Martina Sichardt, die in Mainz, Wien und Berlin Schulmusik, Musiktheorie, Musikwissenschaft und Klassische Philologie studiert und von 1978 bis 1980 als Geigerin im Orchester des Hessischen Staatstheaters gearbeitet hatte, gehört spätestens seit ihrer Dissertation über Die Entstehung der Zwölftonmethode Arnold Schönbergs zu den namhaftesten Vertreterinnen der deutschsprachigen Musikwissenschaft. Durch Forschungs- und Studienaufenthalte an der Harvard University, in Los Angeles, Washington, Krakau und Wien erwarb sie sich einen weiten Blick auf die Fachtraditionen im internationalen Kontext. In Deutschland sammelte sie Lehrerfahrung in Berlin, Hamburg und Köln, arbeitete als Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Schönberg-Gesamtausgabe und schloss im Jahre 2008 ihre Habilitationsschrift zu ihrem zweiten wissenschaftlichen Standbein ab, Entwurf einer narratologischen Beethoven-Analytik. Seit 2008 lehrt sie als Professorin in Leipzig: anfangs am Institut für Musikwissenschaft der HMT, dann am Institut für Musikpädagogik, mittlerweile zudem am gemeinsamen Zentrum für Musikwissenschaft der HMT und der UL. 2015 war sie parallel dazu Gastprofessorin an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien; im November 2016 wurde sie für ihr Leipziger Wirken mit dem Sächsischen Lehrpreis ausgezeichnet.

 

In Anlehnung an diesen Lebenslauf und an Martina Sichardts Arbeitsgebiete – Skizzenforschung, Beethoven, Reger, Zweite Wiener Schule – hatten Kolleginnen und Kollegen des Zentrums für Musikwissenschaft, der Universität Wien und der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien einen Ciklus von Kleinigkeiten vorbereitet. Dabei zeigte sich die weite Perspektive ihrer Interessen. Der Rektor der Hochschule, Prof. Martin Kürschner, verband seine Laudatio mit einem Weiterdenken eines analytischen Ansatzes in Martina Sichardts Dissertation über ein elftaktiges Tagore-Fragment von Schönberg. Prof. Dr. Helmut Loos (UL) zeigte in seinem Vortrag über „Tonalität in Alban Bergs Wozzeck und der weltanschauliche Kontext“ rhetorische Traditionen in Bergs Umgang mit der Tradition auf und bemängelte eine „postfaktische“ Musikforschung, die bisher darüber hinweggesehen habe. Dr. Kateryna Schöning (Universität Wien) blieb beim Thema der rhetorischen Traditionen, untersuchte aber die Verbindung von Musik und Prosodie in humanistischen Kontexten („Skizzen, Skizzen, Skizzen … um 1500: Zum Instrumentalsatz aus dem Tabulaturbuch des Stephan Craus“). Prof. Dr. Josef Focht (UL) gab in seinem Vortrag über „Das Konservatorium“ einen „Beitrag zur Geschichte eines musikalischen Institutionentyps“, indem er mit Werkzeugen der Digital Humanities seine Forschungen zu einer breit angelegten Darstellung dieser musikalischen Bildungseinrichtungen präsentierte. Elisabeth Sasso-Fruth (HMT) stellte unter dem Titel „Le nom“ aus der Sicht der Romanistin Überlegungen zur Namensvergabe in literarischen Texten an, die sie in ihrem „Versuch eines literarischen Brückenschlags“ schließlich mit Blick auf den Namen der Jubilarin zu Alphonse de Lamartine und Honoré de Balzacs Figur des David Séchard führte.

 

Nachdem der Vormittag in den Räumen der HMT im Dittrichring stattgefunden hatte, wechselte das Kolloquium nachmittags ins Städtische Kaufhaus, den Sitz des Instituts für Musikwissenschaft der Universität. Anfangs verlas Dr. Thomas Ertelt (Berlin) ein Grußwort der erkrankten Jubilarin. Hon.-Prof. Dr. Christoph Sramek (ehemals HMT) eröffnete sodann die Nachmittagsvorträge unter der Überschrift „Friedrich Goldmann und seine Heimatstadt Siegmar-Schönau“ mit der Vorstellung neuer, primär biographischer Quellenfunde zu einem fast noch zeitgenössischen Komponisten. Prof. Dr. Gesine Schröder (Musik-Universität Wien) setzte mit „Technik, Filmmusik und Sozialismus: Andrzej Markowskis elektronische Klänge zu dem Science-Fiction-Film Der schweigende Stern“ fort und zeigte Einzelheiten zur Produktion und Semantik der elektroakustischen und der „traditionell“ produzierten Teile der Filmmusik. Prof. Dr. Christoph Hust (HMT) stellte „Was mit Medien“ vor, indem er die Musik zweier Computerspielereihen (Prince of Persia und Assassin’s Creed) nach ihrem Umgang mit Klischees des Orientalismus befragte. Sarvenaz Safari M. A. (HMT) war Martina Sichardt leider in die Grippe-Auszeit gefolgt, so dass ihre „Untemperierten Grüße zum Geburtstag“ nur per kurzem Hörbeispiel erklingen konnten.

 

Martina Sichardt erhielt „ihre“ Texte immerhin per Mail. Und auch wenn sie nicht dabei sein konnte: Den Kolleginnen und Kollegen war es ein Anliegen gewesen, mit diesem bunten Blumenstrauß von Themen einer außergewöhnlichen Wissenschaftlerin, wunderbaren Kollegin, großartigen Dozentin und für die Belange ihres Fachs so erfindungsreichen wie kämpferischen Organisatorin gratuliert zu haben.

 

PROGRAMM

Vormittag – Dittrichring 21, Hörsaal D 021
09:30 – Grußwort des Rektors der Hochschule für Musik und Theater, Martin Kürschner (Leipzig)

10:00 – Helmut Loos (Leipzig): Tonalität in Alban Bergs "Wozzeck" und der weltanschauliche Kontext
10:30 – Kateryna Schöning (Wien): Skizzen, Skizzen, Skizzen … um 1500: Zum Instrumentalsatz aus dem Tabulaturbuch des Stephan Craus
11:00 – Pause
11:30 – Josef Focht (Leipzig): Konservatorien
12:00 – Elisabeth Sasso-Fruth (Leipzig): Le nom. Versuch eines literarischen Brückenschlags
12:30 – Mittagspause

 

Nachmittag – Neumarkt 9–19, Aufgang E, Hörsaal

14:30 – Christoph Sramek (Leipzig): Friedrich Goldmann und seine Heimatstadt Siegmar-Schönau
15:00 – Gesine Schröder (Wien): Technik, Filmmusik & Sozialismus. Andrzej Markowskis elektronische Klänge zu dem Science-Fiction-Film "Der schweigende Stern"
15:30 – Pause
16:00 – Christoph Hust (Leipzig): Was mit Medien
16:30 – Sarvenaz Safari (Leipzig): Untemperierte Grüße zum Geburtstag

 

Zentrum für Musikwissenschaft

Zum WS 2016/17 haben die Universität Leipzig und die HMT ein gemeinsames Zentrum für Musikwissenschaft gegründet.

Die Institute für Musikwissenschaft beider Häuser arbeiten in diesem Zentrum zusammen.

Kontakt & mehr

Noch Fragen? Dann kontaktieren Sie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter per Mail:

musikwissenschaft@hmt-leipzig.de